Dieser Weißraum ist für alle kreativen Menschen, die Mehrwert generieren wollen und Visionen für die Zukunft angehen möchten. Für Menschen, die dafür die Muße neu entdecken und sich zu eigen machen möchten. Er ist eine Annäherung an ein mußisches Innehalten und gibt Impulse, eigene Freiräume bewusst in den Alltag zu integrieren.

Der Muße wird durch Zurückhaltung Raum gegeben, der ihren eigenen Charakterzügen der Leichtigkeit, Selbstbesinnung und Zwanglosigkeit gerecht wird.

Wie ein gutes Buch so ist auch dieser digitale Raum eine Einladung zum Eintauchen, sich Zeit nehmen und in Ruhe Inhalte auf sich wirken lassen.

WAS
IST
MUßE?

Muße.
Eine abgegrenzte Periode.
Frei von den Zwängen der Zeit.
Ein Verweilen.
Ohne Ziel und ohne Druck.
Eine kontemplative Begegnung. Mit sich selbst.

Es ist eine Verfassung der Befreiung und Entschleunigung, der Kontemplation und Schwerelosigkeit. Außer der Freiheit des Nichts braucht die Muße nicht viel. Und dennoch scheint sie ungreifbar, weil sie nicht erzwungen werden kann. Denn wie sollte etwas zwanghaft herbeigeführt werden, das doch von Zwanglosigkeit lebt?

Der individuelle und unfassbare Zustand der Muße wird allgemein beschrieben als eine Zeit, die eine Person nach eigenen Wünschen nutzt. Dabei unterscheidet sich die Muße allerdings von der Freizeit, die teilweise indirekt von Fremdinteresse beeinflusst wird. Muße ist nicht gleichzusetzen mit konsumgekoppelten Freizeitaktivitäten wie der Kino-, Museums- und Theaterbesuch oder dem Genuss eines erfrischenden Getränks in der Lieblingsbar. Diese Momente können Muße kreieren, sind aber kein Garant dafür. Muße beschreibt vielmehr einen inneren Zustand. Sie meint das Sich-frei-fühlen, das komplette bei sich selbst und in der eigenen Situation sein. Die österreichische Muße-Forscherin Helga Nowotny definiert Muße auch als Eigenzeit. Man könnte also sagen, Muße ist die indeterminierte Zeit, über die man selbstbestimmt verfügt. Eine Zeit, die einem ganz selbst gehört, eine zeitliche Freiheitserfahrung vor allem in der Freiheit der eigenen Gedanken.

Ohne eine konkrete Leistungserwartung entzieht sich die Muße einem bestimmbaren Zweck. Das macht sie zu einer Zeit der ziellosen Untätigkeit. Trotzdem ist die Muße nicht gleichzusetzen mit Faulheit oder dem bloßen Nichtstun. Momente der Muße generieren einen Mehrwert, auch wenn sie zunächst nur dem Selbstzweck dienen. Muße ist ein Innehalten und Entspannen, aus dem wir neue Inspiration und Tatendrang schöpfen können. Sie ist eine angereicherte Reduktion – eine Rückbesinnung auf die eigenen Ressourcen. Und das ist wiederum die Grundlage für einen ausgeglichenen Alltag und das gedankliche Gestalten und Entfalten von eigenen Visionen.

Der Neurobiologe Joachim Bauer beschreibt die alltägliche Relevanz der Muße auch wie folgt: „Selbststeuerung und Muße sind wechselseitig voneinander abhängig. Selbststeuerung setzt Muße voraus und umgekehrt. Wer gehetzt durch den Tag geht und keine Muße hat, büßt seine Selbststeuerungsfähigkeit ein. Der Geist beschäftigt sich, wenn er nicht unter dem Druck von Aufgaben steht, mit sich selbst. Wir denken über uns nach, über unsere Beziehungen zu anderen Menschen, wir erinnern uns an Gewesenes und träumen uns etwas über die Zukunft zusammen.“

Muße ist der schönste Besitz von allen — Sokrates


DAS
PARADOX
DER
MUßE

Erzwungene Ungezwungenheit —
Unser Umgang mit der Muße in der heutigen Zeit ist widersprüchlich.

Von Zwängen befreites Nichtstun – Muße in ihrer reinsten Form – kann heute kaum mehr ohne schlechtes Gewissen gelebt werden. Jede*r hat einen hohen Anspruch an sich selbst, um in der modernen Leistungsgesellschaft mithalten zu können. Der Wunsch nach Selbstoptimierung überschreitet die Grenzen von Arbeits- und Privatleben. So finden wir uns ständig auf der Suche nach einem Upgrade unseres Selbst – und das so effizient und schnell wie möglich. Mit diesem Meer an Erwartungen und Möglichkeiten und der damit verbundenen Gefahr der Reizüberflutung scheint die Muße in den Hintergrund zu rücken. Vor allem das Zeit-ist-Geld-Prinzip der kapitalistischen Ideologie lässt sich schwer mit den Kriterien der Muße – der Entkoppelung von Leistungserwartungen und das Erleben der Muße zum Selbstzweck – vereinen.

Die Muße ist in ihrer Ziellosigkeit ein Gegenentwurf zu der von Hochgeschwindigkeiten, Zeitverdichtung und Überforderung gezeichneten Lebenswirklichkeit. Gleichzeitig wird sich von ihr paradoxerweise erhofft, dass sie eben diesen Lebensstil befeuert. Die Muße wird als vielversprechender Ausgleich nicht mehr zum Selbstzweck in den Alltag integriert, sondern ist gekoppelt an die Erwartung einer anschließend gesteigerten Produktivität. So wird sie dann versucht zwischen Tür und Angel, Arbeit und Dinner oder in der Mittagspause möglichst gewinnbringend eingebaut zu werden. Gezwängt in das Korsett von Meditationsapps oder Onlineseminaren wird die Muße heute meist mit einem Effizienzgedanken und einer kommerziellen Absicht beworben. Zum einen bezahlen wir für das Mußeversprechen diverser Apps mit kostenpflichtigen Abonnements, ihren persönlichen Daten und der Bindung an diese Plattformen. Und zum anderen wird mit der Benutzung eine bessere Performance im beruflichen und privaten Alltag versprochen.

Doch können wir in der digitalen Welt wirklich Muße finden? Und nehmen wir der Muße nicht ihre Leichtigkeit und Ungezwungenheit, indem wir sie zu einem erwerblichen Produkt machen, das wir dann mit der Hoffnung eine höhere Stressresistenz zu erreichen konsumieren? Alleine die Suche nach der Muße in der Vielzahl an Online-Angeboten scheint ein Widerspruch in sich zu sein. Denn unsere elektronischen Begleiter hindern uns durch das permanente Einfordern unserer Aufmerksamkeit und einer konstanten Reizüberflutung daran, selbstbestimmt zu denken und zu handeln. Und genau diese Selbstbestimmtheit ist schließlich ein großer Bestandteil der Muße.

Das Wissen um die positiven Auswirkungen der Muße hat jedoch nicht nur in die digitale Welt, sondern auch in die Welt der Arbeit Einzug erhalten. Viele Führungskräfte haben das Potential der Muße bereits für sich entdeckt und versuchen sie als Tool zur Produktivitätssteigerung und Wachstumsbeschleunigung einzusetzen. Das ist einerseits eine wichtige und fortschrittliche Errungenschaft, andererseits birgt dies die Gefahr, dass wir die Muße nur noch als Mittel zum Zweck sehen.

Wir sollten es uns aber beibehalten oder wieder neu erlernen, die Muße nicht nur mit Produktivitäts- oder Optimierungsargumenten in unseren Alltag zu integrieren! Keine Frage, die heutige Zeit erschwert das Entfliehen von Eindrücken und Reizen des Alltags und das Erreichen eines zweckbefreiten Zustands der inneren Ruhe und Untätigkeit. Dennoch sollten wir uns darin üben der Muße hin und wieder, einfach nur um ihrer Selbst willen, Raum zu geben.

Es stellt sich als nicht sehr einfach heraus, den Eindrücken und Reizen des Alltags kurzzeitig entfliehen und in einem Zustand der inneren Ruhe und Untätigkeit Muße erfahren zu können.







Warum brauchen wir heutzutage
Produktivitätsargumente
um Muße in den Alltag zu integrieren?

Im Nichtstun bleibt nichts ungetan — Laotse






























MUßE
UND
KREATIVITÄT

Der Effizienzgedanke und die allgegenwärtige Hektik machen auch vor der Kreativbranche keinen Halt. Knappere Deadlines und immer komplexer werdende Probleme. Obendrauf die eigene und gesellschaftliche Anforderung einen sozialen und ökologischen Mehrwert zu generieren. Unter all dem Druck bleibt kaum Zeit für Visionen, Tagträumen und beflügelnde Ideen. Die Muße bleibt auch in der Kreativbranche trotz bereits vorhandener Bemühungen in Gestalt von Kickertischen und Entspannungsecken oft noch auf der Strecke.

Doch gerade die Kreativität benötigt Muße um sich voll und ganz entfalten zu können. Der kreative Prozess braucht einen Weißraum. Und die Illumination, oder auch Geistesblitz genannt, braucht Freiräume.

Vor allem in der Inkubationsphase sind der Müßiggang und das Innehalten gefragt. Modelle der Kreativitätstheorie bezeichnen diese Phase als eine, die zündenden Ideen den Weg ebnet. Sie folgt der Bewusstwerdung und Analyse des Problems, dessen Lösung erarbeitet werden will. Im Gegensatz zu der analytischen und bewussten Auseinandersetzung zu Beginn des Kreativprozesses, steht in der Inkubationsphase das Unterbewusstsein im Vordergrund – Es findet kein aktives Streben nach einer Lösung statt, sondern es ist ein Reifeprozess im Verborgenen.
Es kommt zu einem gedanklichen Innehalten und einem mentalen Freiraum. Ein stressfreies Umfeld, in dem Ruhe und Entspannung möglich sind begünstigen, dass dann altes und neues Wissen verknüpft wird – es wird auf bereits vorhandene geistige Ressourcen und die neuen zu Beginn des Prozesses gesammelten Eindrücke und Erkenntnisse zurückgegriffen.

Kreativität ist letztlich ja nichts anderes als neue und unerwartete Verknüpfungen zu bilden und so frische Ideen an die Oberfläche zu bringen. Der weite Raum der Muße begünstigt geistige Erleuchtungen und geniale Einfälle. So gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Kreativität und der Muße. Er ist gleichzeitig aber kein Garant dafür. Denn der Muße wohnt eine gewisse Unverfügbarkeit inne – sie kann nicht erzwungen werden, nur begünstigt. Und das sollten wir viel öfter und bewusster tun!

In der Kreativitätsforschung ist man sich darüber einig. Im Gehirn gibt es ein eigenständiges „Default-mode-Network“. Dieses Ruhezustandsnetzwerk, bestehend aus verschiedenen Gehirnregionen, wird immer dann aktiv, wenn wir nichts Konkretes machen. Wenn wir tagträumen, Zukunftspläne schmieden oder einfach die Gedanken schweifen lassen. Dieses Netzwerk ist aber alles andere als ruhig, wie der Name vielleicht zunächst vermuten lassen würde. Eben gerade dann, wenn der Mensch unaufgeregt ist, wenn er in einem Zustand der Ruhe ist, wird es zu einem hochaktiven Netzwerk, in dem viel passiert. Gedanken und Erinnerungen werden sortiert, gerade gewonnene Erkenntnisse werden gespeichert.

Experimente belegen, dass Probanden eine kreative Aufgabe besser lösen, wenn sie zwischendurch eine Pause eingelegt und kurz abgeschaltet haben. Bewusst zugreifen kann man auf das Ruhezustandsnetzwerk aber nicht, wie die Kreativitätsforscherin Röska-Hardy erklärt. Es arbeitet laut der Forscherin immer nur im Hintergrund, sobald wir uns beispielsweise mit monotonen Aufgaben beschäftigen.

MEHRWERT
DURCH
MUßE
IM
DESIGN

Eine wünschenswerte Zukunftsvision wäre es, dass der Muße eine größere Rolle im Alltag der DesignerInnen zugeschrieben wird und so die stetige Beschleunigung unserer ökonomisierten Gesellschaft in den Hintergrund rückt. Besonders in einer Zeit des Überflusses sollte es nicht darauf ankommen sich beim Gestalten in der Geschwindigkeit zu überschlagen. Es ist die Qualität und der sozial-ökonomische Mehrwert des Designs der am Ende zählt. Und um diesen ganzheitlich und bewusst zu durchdenken braucht es Muße. Der Raum für Muße ist also nicht nur Vorraussetzungen um kreative Ideen zu generieren. Muße ist auch ein Rahmen der das Einnehmen einer verantwortungsbewussteren Haltung im Hinblick auf die Auswirkungen der eigenen Arbeit ermöglicht.

Doch wie schaffen wir im Karussel der Beschleunigung einen Platz für Muße? Wir sollten uns die Potentiale der Muße wieder mehr ins Bewusstsein rufen!

Wie schaffen wir
im Karussel der
Beschleunigung
einen Platz für
Muße?

Was wäre wenn die
Muße ein fester
Bestandteil unseres
Arbeitsalltags wäre?

MUßE
IM
HANDWERK

Gute Ideen kommen oft kurz vor dem Einschlafen, beim Spazierengehen, der Gartenarbeit, beim Kochen oder beim Stricken – kurz in Zuständen der Vertiefung oder Entspannung. Man könnte auch sagen in Momenten der Muße. Das wissen wir seit Archimedes, der in der Badewanne das nach ihm benannte Prinzip der Muße entdeckte. Auch die Ausführung einer monotonen oder rhythmischen Tätigkeit – wie sie bei den verschiedensten Handarbeiten entstehen – kann einen Moment der Muße kreieren. Im Handwerk zeigt sich demzufolge ein großer und weiter Möglichkeitsraum der Muße – die Hände und der Körper sind beschäftigt, trotzdem ist der Geist frei und kann sein kreatives Potential entfalten. Bei den rhythmischen und gewohnten Bewegungen, die beispielsweise beim Weben, Stricken, Schnitzen oder Zeichnen entstehen, schaltet sich das Default-Mode-Netzwerk unseres Gehirns ein. Es entsteht ein Zustand, in dem Raum und Zeit nicht mehr bewusst wahrgenommen werden. Die Gedanken können treiben.

Joachim Bauer
Arzt, Psychiater, Psychotherapeut und Neurobiologe

„Wir können uns einen Schuster vorstellen, der hoch konzentriert seinen Schuh macht, dabei die ganze Welt um sich herum vergisst, voll konzentriert auf sein Werk ist und in dieser hochgradigen Fokussierung innerhalb seiner Arbeit Muße erlebt. Genauso kann die Muße dann natürlich auch ohne Arbeit stattfinden: Er kann den Schuh nach einer Weile weglegen und sinnierend aus dem Fenster schauen und sich seinen Gedanken überlassen. Und auch in diesem Zustand des Nichtstuns Muße erleben. Das heißt, wir können Muße-Zustände sowohl innerhalb und außerhalb der Arbeit erleben.“

Der starke Zusammenhang von Muße und handwerklichen Tätigkeiten erklärt unter anderem das Aufstreben des Heimwerkens und die enorme Resonanz der DIY-Bewegung. Mit den unterschiedlichsten Ansätzen der Handarbeit können wir mit den ruhigen Bewegungen eine bewegte Ruhe und damit die Muße in unseren Alltag bringen. Sind handwerkliche Tätigkeiten also etwa der Versuch und zugleich eine Chance die Muße zu uns nach Hause einzuladen? Und sollten sich Kreative wieder vermehrt auf das händische Arbeiten stürzen? Kann so Raum für Geistesblitze geschaffen werden?

Eine etwas abstraktere Form des Handwerks stellst das analoge Schreiben mit der Hand dar – das TagebuchschreiBen oder seit geraumer Zeit „Journaling“ genannt. Das händische Aufschreiben von Erinnerungen, Gedanken und Emotionen ist gepaart mit Reflexion und Kontemplation, die während dieses Prozesses stattfindet. Das Füllen leerer Seiten kann ein Weg zu Selbsterkenntnis sein. Tagebuchschreiben ist eine Übung der Muße, es ist selbst Muße – im Sinne eines entspannten, auf den ersten Blick zweckfreien Tuns und dem Genießen des gegenwärtigen Moments.

MUßE
IN
DER
ZUKUNFT

DER
GEISTESBLITZ
GENERATOR






Der Geistesblitz-Generator ist das ultimative Muße-Tool für mehr Effizienz in der Kreativwirtschaft. Er wurde entworfen, um trotz knapper Deadlines in kürzester Zeit zündende Ideen für komplexe Problemstellungen zu generieren. Um das zu erreichen, schottet er uns für kurze Zeit von einer Welt ab, in der wir permanent den unterschiedlichsten Reizen ausgesetzt sind und dadurch Schwierigkeiten haben, konzentriert arbeiten zu können. Wenn um uns herum nichts passiert, passiert in unserem Gehirn nämlich so einiges. Altes und Neues verknüpft sich. Geistesblitze lassen Neues entstehen und ermöglichen so schrittweise die Lösung von Problemen.
Das Helm-ähnliche elektronische Tool bietet uns deshalb einen wirksamen Rückzugsort. Mit ihm erleben wir komprimierte virtuelle Weißräume, eine effektive Selbstbesinnung und eine ideenspendende Stille. Dieses Gadget bringt die VR-Brille auf das nächste Level. Setzten wir uns den Geistesblitz-Generator auf, so erleben wir unmittelbar einen Moment der Muße, der den kreativen Prozess vorantreibt.

Das spekulative Produkt wirft damit auch die Frage auf, inwieweit die schwer planbaren Zustände der Muße und der inneren Ruhe überhaupt bewusst hervorgerufen und maximal effizient, auf ein kleines Zeitfenster beschränkt, eingesetzt werden können – und sollten. Dadurch stellt sich die weitere Frage was es am Ende wirklich ist, das kreative Menschen in Zukunft brauchen, um sich zielführend mit komplexen Themen befassen zu können. Mit diesen gedanklichen Anstößen stellt der Geistesblitz-Generator in erster Linie einen Diskussionsbeitrag dar, der zum Reflektieren und Spekulieren einlädt.

Dieses fiktive Produkt verdeutlicht die Widersprüchlichkeit der Instrumentalisierung von Muße zu Zwecken der Produktivität. Der Geistesblitz-Generator greift den gesellschaftlichen Zeitgeist des übermäßigen Effizienz- und Wachstumsstrebens auf und treibt ihn ironisch und gesellschaftskritisch auf die Spitze. Er ist Sinnbild für eine Realität, in der Zeitverdichtung und stetige Beschleunigung selbst vor der Muße keinen Halt mehr machen. Eine Realität, in der sogar Pausen unsere innere Ruhe und die Muße einer gesteuerten Optimierung und Komprimierung unterzogen werden, um einen bis aufs äußerste profitablen Arbeitsprozess sicherzustellen.

Verschwindet die Muße, stirbt mit dem Wort eine ganze Welt — Holger Zaborowski

MUßE,
ARBEIT UND
ZUKUNFT

Wie ist es um die Zukunft der Muße bestellt? Wird sie zu einer wichtigen Nichtigkeit werden? Oder noch weiter von der Bildfläche verdrängt, um schließlich das Spielfeld für immerwährenden Druck, anhaltende Hektik und maßlose Überarbeitung zu räumen? Wo soll das hinführen?

Forschungsergebnisse zeigen nicht erst seit gestern, dass eine reduzierte Arbeitszeit die Produktivität steigert. Gerade bei kreativ Tätigen haben Untersuchungen ergeben, dass höchstens sechs Stunden täglich produktiv gearbeitet werden kann, wenn Kreativität gefordert ist. Und schaut man sich die historische Entwicklung an, so stellt man sehr schnell fest – die Arbeitszeit sinkt ohnehin rasant: Vor etwa 200 Jahren wurde doppelt so viel gearbeitet wie in der heutigen Zeit.

Schon im Jahr 1930 sagte der Volkswirt John Maynard Keynes die 15-Stunden-Woche voraus. Und heute sind wir dieser näher denn je.
Die sportlichen Entwicklungen der künstlichen Intelligenz scheinen uns diesem Szenario immer noch näher zu bringen. Auch deshalb stehen die Errungenschaften und Potenziale der KI aktuell hoch im kontroversen Diskurs. Allerdings wird die KI von vielen Individuen auch als etwas Bedrohliches wahrgenommen. Die neue Technologie wird den Menschen als Arbeitskraft zu großen Teilen überflüssig machen, so die Befürchtung der Skeptiker. Gerade diesem möglichen Verlust an Arbeitsplätzen wird mit großer Sorge entgegengeblickt. Denn der Arbeit steht zunächst einmal die Arbeitslosigkeit gegenüber. Und diese wird gefürchtet.

Müßiggang ist allen Geistes Anfang — Franz Werfel

Aber was, wenn die verbleibende Arbeit gerecht aufgeteilt wird, ebenso wie die neu entstandene freie Zeit? Wenn wir, statt der fehlenden Arbeit mit Furcht zu begegnen, die Möglichkeiten der neuen Freiräume sehen?

Die neue freie Zeit könnte unter anderem Platz für mehr Muße schaffen. Denn die Freiheit der Muße kann dort beginnen, wo die Funktionalisierung durch Arbeit endet. Künstliche Intelligenz kann also die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass wir die Muße und die damit einhergehende Selbstbestimmung kollektiv wiederaufleben lassen!

Die KI selbst kann uns aber nicht dabei helfen, die Muße in unserem Alltag zu installieren. Denn ein Manifestieren und Leben der Muße setzt voraus, dass wir die neuen Freiräume auch bewusst und selbstbestimmt gestalten. Dass wir uns nicht in endlosen Abenteuern der Virtual Reality und dem uferlosen Konsumieren von Content verlieren. Die entstehende Zeit sollte stattdessen, als eine Gelegenheit wahrgenommen werden alte Denkmuster zu durchbrechen und neue Systemmuster zu denken. Dafür braucht es die Willenskraft, Phasen der Ruhe und des Innehaltens und damit die Möglichkeit einer konstruktiven Reflexion in unseren Alltag einzubauen. So kann Neues entstehen und es eröffnet sich die Chance auf Sinnhaftigkeit und Zukunftsfähigkeit. Ist erst einmal das Misstrauen gegen das Mühelose und das Stille aufgelöst, so kann der Muße durch die KI tatsächlich eine Renaissance bevorstehen!









Wo und wie kann Muße heute und in Zukunft ihren Platz finden?

Wie schaffen wir uns im Karussell des Wachstums konkret unseren eigenen Weißraum?

Ohne, dass die Muße zu sehr von einem Produktivitätskalkül geprägt ist? Ohne absurd und widersinnig in das Korsett von Meditations-Apps, Online-Kursen zur Achtsamkeit oder dem Entspannungs-wochenende mit Socialmedia-Detox gezwängt zu sein?

DIE
ANGEWANDTE
MUßE

Muße spielt mit Gegensätzen zwischen Arbeit und Freizeit, Beschleunigung und Entschleunigung, Tätigkeit und Untätigkeit. Sie kann nicht einfach angewandt werden, sondern setzt eine innere Haltung, eine Willenskraft und auch eine Einübung voraus.
Denn: Wir sind keine Meister der Muße mehr. Kinder dagegen, die sich noch im Spiel selbst vergessen können, schon. Wir verlieren uns stattdessen in unseren digitalen Endgeräten. Eine Vielzahl an Online-Angeboten sollen uns dann wieder bei der Erholung helfen.

Wie holen wir uns die Muße selbstbestimmt in den Alltag?
Mit der Muße könnte es eigentlich so einfach sein – sie braucht ja schließlich erstmal Garnichts. Aber das Nichts braucht sie dann eben doch. Leider ist gerade dieses „Nichts“ im Heute manchmal ganz schön viel verlangt. Momente der Muße müssen in einer Gegenwart der strikten Alltagstaktung schon bewusst eingebaut werden. Es braucht ein gezieltes Integrieren von Zeiten des geistigen Freiraumes, um der Muße wieder einen Platz zu geben. Dafür ist vor allem Bereitschaft und Willenskraft nötig. Mut zur Pause. Eine (Re-)Installation funktioniert am besten durch wiederkehrende Rituale.
Die Neurowissenschaften beweisen die Wirksamkeit bewusster Auszeiten. Achtsamkeitsübungen können dabei natürlich einiges bewirken – sie werden für viele Menschen zu Momenten der Selbstbesinnung und Sammlung. Atemübungen sind dabei eine hilfreiche Komponente zum gedanklichen Innehalten.

Die Muße hat aber noch so einige andere Gesichter. Gerade monotone Tätigkeiten bei denen ein ganz natürlicher Rhythmus entsteht, geben der Muße oft auch einen Raum – wie beispielsweiße das Fahrradfahren, Kartoffeln Schälen oder eben handwerkliche Tätigkeiten wie Stricken, Handweben, Schnitzen oder Töpfern. Aber auch das Spazierengehen ebenso wie das reine Verweilen in der Natur sind eine Steilvorlage für die Muße – hier kommt sie meist ganz von alleine. Es geht letztlich um das aktive Entscheiden für Zeiten ohne bestimmten Zweck und störende externe Einflüsse. Für Zeiten der Stille. Des Alleinseins. Der Zufriedenheit im Augenblick.



















Es ist an der Zeit die Muße bewusst zum Leben zu erwecken, sie ausdrücklich in unseren Alltag einzuladen in dem wir ihr einen immer wiederkehrenden Raum bieten!